Nachbarschaft Welt – ein interkulturelles Schulprojekt des Netzwerks Ethik heute

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Das Schulprojekt NACHBARSCHAFT WELT wird seit 2014 vom Netzwerk Ethik heute getragen. Das „Netzwerk Ethik heute“ wurde Ende 2013 mit dem Ziel gegründet, den gesellschaftlichen Dialog über ethische Fragen zu fördern. Es wurde eine Webseite erstellt, die immer stärker frequentiert wird von Menschen, die Informationen zu ethischen Fragen und den Dialog über die Verwirklichung menschlicher Werte in verschiedenen Lebensbereichen suchen. Mit dem Projekt NACHBARSCHAFT WELT sollen die interkulturelle und interreligiöse Arbeit in Schulen unterstützt und neue Impulse gegeben werden. (https://ethik-heute.org/die-vielfalt-der-welt-im-klassenzimmer/)

Die Gustav Prietsch Stiftung ist seit 2015 daran beteiligt, dieses Projekt durch jährliche Spendenbeiträge zu unterstützen und zu fördern.

Das Schulprojekt NACHBARSCHAFT WELT ist ein besonderes, in unterschiedlichen pädagogischen Ansätzen wurzelndes Konzept, das die Welt in die Schule, ins Klassenzimmer und in die Gedanken und Herzen der Kinder bringen und gleichzeitig die Welt durch mehr Verständnis, Respekt und Fürsorge für Kulturen und Glaubensformen, die eigene und andere, bereichern möchte.

“Da Krieg im Denken von Menschen beginnt, muss auch die Verteidigung des Friedens im Denken beginnen.” (Zitat aus der UNESCO SATZUNG)

In diesem Projekt kommen Schülerinnen und Schüler mit der Vielfalt der Kulturen in Berührung. Sie werden altersgerecht und zunehmend tiefer in die Lebenssituation, Tradition, Religion und die Herausforderungen der Menschen auf anderen Kontinenten eingeführt. Sie werden in Länder- bzw. Kulturgruppen aufgeteilt, so dass fünf Kontinente in der Klasse repräsentiert sind. Die zentrale Aufgabe besteht darin,

sich in die unbekannte Lebenssituation von Kindern auf einem anderen Kontinent hineinzuversetzen, diese nachzuahmen, auszudrücken und zu reflektieren.

In diesem Prozess der Simulationbzw. versuchten Identifikation lernen sie die unbekannten Menschen/Kinder und ihre Kulturen mit Empathie und Respekt wahrzunehmen. Ein begleitendes Training in Achtsamkeitunterstützt die Ausbildung einer verbesserten Selbst- und Fremdwahrnehmung; Präsenz, Konzentration und Mitgefühl können wachsen. In einemDialogtraining lernen die Schüler, verschiedene Meinungen und Haltungen wahrzunehmen und wertzuschätzen. Zuhören, ausreden lassen, Mut, sich zu zeigen und sich auszudrücken, Freundlichkeit und Mitgefühl werden verstärkt.

 

Das Curriculum

Dieses Projekt beruht auf dem Verständnis, dass Lernprozesse in der Schule nur ganzheitlich zu einer Wirkung kommen, wenn sie die gesamte Identität der Schüler/Schülerinnen berühren. Ganzheitliches Lernen geht über kognitive Wissensvermittlung hinaus und bezieht emotionale Haltungen und ihre Entwicklung mit ein. In diesem Zusammenhang geht es insbesondere darum, dass die Schüler/innen bewusst werden z. B. wie sie auf fremde Lebensweisen reagieren und üben mit Offenheit, Mitgefühl und radikalem Respekt auf ‚Fremdes’ und ‚Unbekanntes’ zuzugehen.

Wie wird so ein anspruchsvoller ganzheitlicher Lernprozess in der Schule verwirklicht?

Das pädagogische Konzept lehnt sich an die alte Weisheit der Sioux Indianer an, die sich in abgewandelter Form auch in anderen Kulturen wie z.B. der muslimischen wiederfindet. In einem alten Gebet heißt es:

“Großer Geist, gewähre mir die Weisheit in den Mokassins eines anderen zu gehen bevor ich kritisiere oder urteile.”

Literarisch lässt Harper Lee in ihrem Roman ‚Wer die Nachtigall stört’ diese Weisheit als Ratschlag von Vater zu Tochter deutlich werden:

“Vor allem, Scout, musst du einen einfachen Trick lernen, dann wirst du besser mit Menschen aller Art auskommen. Man kann einen anderen nur richtig verstehen, wenn man die Dinge von seinem Gesichtspunkt aus betrachtet. (…) Ich meine, wenn man in seine Haut steigt und darin herumläuft.” (Harper Lee 1962, S. 44)

Dieser ‚Wandlungsprozess’ wird im NACHBARSCHAFT WELT Projekt durch regelmäßig durchgeführte Rituale und angeleitete Imaginationsreisen initiiert und bewusst geübt. Beispielsweise wählen die Kinder sich zu Beginn des Projekts einen in ihrem Land geläufigen Namen. In manchen Klassen bekommen sie dazu ein farbiges Laibchen, wobei jedes Land eine andere Farbe hat. Während sie das Laibchen anziehen bzw. sich das Namensschild umhängen stellen sie sich vor, das andere Kind zu werden. (Bild 1) Darüberhinaus begrüßen und verabschieden sie sich in den Landessprachen. Sie lernen dabei nicht nur die Worte sondern auch die Bedeutungen und üben die sinnvolle Begrüßung wie z.B. die Friedenswünsche im Schalom. Die Imaginationsreisen werden begleitend zu den verschiedenen Themenbereichen durchgeführt wie beispielsweise ‚Ein Morgen in meinem Haus’.

Auch die Themenbereiche in dem Curriculum sind so ausgewählt und aufeinander aufgebaut, dass sie Verständnis und Identifikation unterstützen. Für die Klassen fünf, sechs und sieben umfasst das Curriculum ca. zehn Unterrichtseinheiten, die jeweils über mehrere Schulstunden andauern. Die zehn Unterrichtseinheiten werden an Projekttagen oder kontinuierlich z.B. in wöchentlich stattfindenden Doppelstunden durchgeführt.

Die Themen umfassen Länderkunde (geographisch, sozial, politisch), Wohnen, Familie, Religionen, Ernährung, Schule, Alltag, Kinderarbeit, Feste und auch spezifische ökonomische, ökologische und soziale Probleme in den Ländern sowie aktuelle Nachrichten aus den Ländern.

Wesentlich ist, dass alle Themen in einem kreativen Projekt ‚verdaut’ werden: Namensschilder, T-Shirts, Flaggen, Poster und Collagen, Pop-up Bilder, Weltkugeln usw. Auch Aktivitäten wie Sketche und Aktionen wie gemeinsames Kochen oder die Organisation einer Ausstellung oder Aktion bei einem Schulfest gehören dazu. (Bild 2)

Jede Unterrichtseinheit hat die gleichen methodischen Bausteine. Die Schüler/Innen verarbeiten die angebotenen Informationen (Internet, beispielsweise www.kinderweltreise.de, Sachtexte und -bücher, Romane, Bilder und Filme) nicht nur mit Hilfe von Arbeitsblättern, sondern auch indem sie ‚ihre’ Autobiografie (beispielsweise als Kind aus China) schreiben.

Dazu werden Stereotypen und Vorurteile unter die Lupe genommen. Beispielsweise erhalten alle Gruppen differenzierte Informationen und Bilder über die Wohnverhältnisse der Menschen in ‚ihrem Land’. So lernen sie beispielsweise, dass nicht alle Kinder in Afrika arm und bemitleidenswert sind. Das war die Auffassung vieler 5. Klässler am Projektbeginn. Vielmehr gewinnen sie eine Vorstellung von dem Zusammenhang von Reichtum und Wohnen in fünf verschiedenen sozialen Gruppen in jedem Land. (Bild 3)

Auch die Dialoge werden themenverbunden geführt. Diese Gesprächsform findet in einem Kreis statt, in dem alle gleichwertig sind und sich sehr aufmerksam zuhören und sich ausreden  lassen.Inhaltlich werden sie in den Ländergruppen und in nach dem Puzzleprinzip organisierten Gruppen von ‘Abgeordneten’ vorbereitet. In der Gesamtgruppe werden die Informationen zu den verschiedenen Ländern zusammengetragen und ausgewertet.

Im Abschlussdialog jeder Einheit werden die Gemeinsamkeiten und Unterschiede besprochen und Schlussfolgerungen über das Leben von Kindern auf der Erde gezogen. Die Resultate werden bildlich/schriftlich festgehalten. Beispielsweise wurden in der Einheit über die Weltreligionen „Wie die Finger einer Hand – was die fünf Weltreligionen verbindet“ die Gemeinsamkeiten der Religionen in eine Handfläche geschrieben.

Die Arbeitsprodukte der Schülerinnen und Schüler in der Kreismitte auszustellen hat sich als ein gutes pädagogisches Instrument erwiesen. Die Wahrnehmung der selbst hergestellten Produktionen über das Leben von Kindern in unserer Welt führt fast natürlicherweise zu allgemeineren und abstrakteren Fragen und Überlegungen.

Die Herstellung eines Freundschaftsarmbands – eine farbige Perle für jede Weltreligion, eine für alle anderen Religionen und eine für Nichtgläubige – bildete einen runden Abschluss und Ausblick auf ein gegenseitiges Verstehen und friedliches Zusammenleben. (Bild 4)

 

Bedeutung der Gustav Prietsch Stiftung für die Entwicklung und Ausweitung des Projekts

Die Gustav Prietsch Stiftung hat sich seit 2015 durch jährliche Spendenbeiträge wesentlich an der Durchführung und Entwicklung des Projektes beteiligt.

Im Frühjahr 2015 hat die Stiftung ermöglicht, dass Unterrichtsmaterialien in Form von Sachbüchern und Filmen für die Unterrichtseinheit ‚Mein Land’ und Jugendromane für Literaturkreise zu den unterschiedlichen Ländern erworben werden konnten.

Im gleichen Jahr ergab sich aus einer Projektwoche die Anfrage einer Lehrerin den NACHBARSCHAFT WELT Ansatz für den Religionsunterricht zu spezifizieren. Sie wünschte eine Unterrichtseinheit mit Lernaktivitäten und Materialien, in der Konfessionen nicht nur auf der Sachebene vermittelt werden.  Ihr Wunsch war die Schüler/innen sich im Sinne des Konzepts in die jeweilige Religion einzuführen und den Kontakt und die Kooperation der verschiedenen Konfessionen untereinander zu simulieren. Das kann im herkömmlichen Religionsunterricht nur rudimentär geleistet werden. Die Umsetzung dieses Anliegens, die Entwicklung des Bausteins Weltreligionen, die Zusammenstellung der Materialien, Anleitung der Lehrer/innen und auch die Unterrichtsbegleitung des ersten Durchlaufs wurden ebenfalls von der Gustav Prietsch Stiftung finanziert.

Seit dem Jahre 2016 wurde das Projekt regelmäßig auf neue fünfte Klassen in der Bahrenfelder Stadtteilschule ausgeweitet. Die Weiterentwicklung des Konzeptes, das Coaching der neuen Lehrer/innen, die Zusammenstellung der Materialien und die Unterrichtsbegleitung wurden von der Gustav Prietsch Stiftung finanziell unterstützt.

Im Jahre 2017 organisierten die sechsten und siebten Klassen innerhalb dieses Projekts eine Ausstellung „Weltreligionen – Weltfrieden – Weltethos“ für alle Klassen der Bahrenfelder Stadtteilschule und auch auswärtige Schulklassen. Diese Ausstellung wurde von der Stiftung Weltethos konzipiert und realisiert. Sie „möchte einladen, die faszinierende Welt der Religionen besser kennen zu lernen und die Bedeutung ihrer ethischen Botschaften in ihrer Relevanz gerade für unsere heutige Gesellschaft besser zu verstehen.“ (http://www.weltethos.org/ausstellung/) Die Ausstellung wurde der Schule von der Arbeitsgruppe Stiftung Weltethos Hamburg für einen kleinen Beitrag zur Verfügung gestellt. Sie hat zwei thematische Schwerpunkte: Sie handelt von den Religionen und ihren gemeinsamen Werten. Auf zwölf Tafeln wird Basiswissen zu den Weltreligionen und den Grundwerten (Gewaltfreiheit, Gleichheit, Wahrhaftigkeit, Partnerschaftlichkeit) dargestellt und illustriert.

Da die Tafeln auf anspruchsvollem Niveau gestaltet sind war es notwendig durch begleitende Unterrichtsmaterialien ein besseres Verständnis zu ermöglichen.

Deshalb wurde ein neues Curriculum für den Ethikunterricht der siebten Klassen zu den ethischen Grundwerten erstellt. Ein Curriculum für den Religionsunterricht der sechsten Klassen existierte bereits (siehe oben). In dem Ethik-Curriculum werden die Grundwerte altersgemäß behandelt: Gewaltfreiheit und Cybermobbing, Gerechtigkeit und Fair Trade, Wahrhaftigkeit und Schulalltag, Partnerschaft und Respekt von Frauen/Mädchen. Die Erstellung des Ethik Curriculums wurde ebenfalls finanziell unterstützt.

Im Jahr 2018 hat die Stiftung dazu beigetragen, das NACHBARSCHAFT WELT Curriculum für dritte und vierte Schulklassen zu entwickeln. Es wurden Unterrichtsmaterialien hergestellt, die auf einfache und differenzierte Weise die komplexen Themenbereiche Länder, Wohnen und Biografie verständlich und graphisch anschaulich für die Grundschule aufbereiten.

 

Bisherige Erfahrungen

Nachbarschaft Welt läuft seit 2014 an der Bahrenfelder Stadtteilschule in Hamburg als Pilotprojekt. In zwei Klassen wurden über drei Schuljahre (5.-7.) und in zwei weiteren Klassen über zwei Schuljahre (5.-6.) thematisch unterschiedliche Projektabschnitte durchgeführt. In 2017 haben drei weitere fünfte Klassen mit dem Projekt begonnen. Im Herbst 2018 sind drei weitere fünfte Klassen in das Projekt eingestiegen.

Im ersten Halbjahr 2018 hat die Eppendorfer Stadtteilschule mit zwei siebten Klassen an dem Projekt teilgenommen. 2019 sind drei weitere fünfte Klassen in das Projekt eingestiegen.

Schüler und Lehrer/innen gaben positives Feedback. Sie fanden Nachbarschaft Welt  interessant und wertvoll. Die Schüler haben sich gefreut, wenn das Projekt auf dem Stundenplan stand. Sie haben sich zunehmend ernsthafter für die Lebenssituationen in „ihren“ Ländern interessiert. Die Identifikation ist so weit gelungen, dass sie offen waren „fremde Verhaltensweisen“ nicht zu belächeln und sich davon abzugrenzen. Z.B. fanden auch Jungs sehr interessant, dass im Hinduismus tanzend gebetet wird und wollten das  lernen. Unbekannte Speisen zu kochen und achtsam und still zu essen, wurde nicht nur als okay, sondern hilfreich empfunden, weil man in Stille besser schmecken kann. Schülergruppen, in denen ein echter Dialog anfangs nicht möglich war, weil alles kommentiert und negativ bewertet werden musste, saßen ein Jahr später aufmerksam und wach im Kreis zusammen. Sie trauten sich, Themen anzusprechen, z.B. warum und wozu es so viele verschiedene Religionen gibt.

Die Erfahrung zeigt, dass es möglich ist, dass die Schüler/innen lernen können, sich aktiv um andere Menschen in dieser Welt zu kümmern. Nach einer Projektwoche haben zwei Schulklassen Länder-Collagen angefertigt. Aus einem Dialog über Kinder in der Welt und der Flüchtlingsthematik entstand die Idee aus den Collagen einen Jahreskalender zu fertigen. Die Schülerinnen und Schüler lieferten alle Bestandteile – die 12 Monatsblätter sowie das Titelblatt, das sie selbst auswählten. Eine Grafikerin half ehrenamtlich daraus eine Druckvorlage zu erstellen. Die Produktionskosten übernahm eine Spenderin des Netzwerks Ethik heute. Die Kalender wurden in Eigenregie verkauft und die Kinder entschieden, den Erlös von 1.000 €uro an Flüchtlingskinder zu spenden.  Als Dank wurde jedes Kind von UNICEF mit einer Urkunde ausgezeichnet. (https://ethik-heute.org/ich-bin-stolz-kindern-helfen-zu-koennen/) Zwei Jahre später erinnern sie sich mit Stolz in einem Auswertungsinterview über das NACHBARSCHAFT WELT Projekt. Diese Erfahrung wird bleiben.

VIELEN DANK

Text: Andrea Vermaaten